Papa soll nach Hause kommen!

Dieses Jahr begann bei mir mit einem traurigen Abschied und leider sollten noch zwei weitere tragische Todesfälle hinzukommen. Bis zu diesem Zeitpunkt habe ich mich nur selten mit dem Thema Tod beschäftigt und wenn, dann nie tiefgründig. Warum auch, mich betraf es ja nie, bis eben die ersten Tage des Januars verstrichen. Ganz schnell habe ich gelernt, wie es ist, wenn einem der Boden unter den Füßen weggezogen wird, wie die Ohnmacht über mich kam und ich es einfach nicht wahrhaben wollte, die Endgültigkeit des Geschehenen. Da waren das eigene Empfinden und die Traurigkeit, aber ganz schnell fragte ich mich auch, wie ich jetzt mit den Hinterbliebenen umgehen soll, allen voran mit den Kindern. Ich hatte große Angst davor, die richtigen Worte und Gesten zu finden, denn ich wollte keinesfalls verletzen.

Kindertrauergruppe „Mutmacher“ – Da sein, wenn Kinder trauern

Durch puren Zufall hatte ich Ende letzten Jahres die Bekanntschaft mit einer jungen Frau gemacht, die mir erzählte, dass sie ehrenamtlich als Trauerbegleiterin arbeitet. Diese junge Frau erklärte mir, dass es in Erfurt die „Mutmacher“, eine Trauergruppe für Kinder, gibt und fragte mich, ob das nicht auch ein Thema für Kinder in Erfurt wäre. Ganz schnell kam dann ein Kontakt mit Gudrun Biesselt, der Koordinatorin des ambulanten Kinder- und Jugendhospizdienstes des Malteser Hilfsdienst e.V. hier in Erfurt, zustande und mir wurde bewusst, dass ich über dieses Thema berichten möchte.

Kindern Mut machen, um über ihre Gefühle zu sprechen

Die Kindertrauergruppe „Mutmacher“ gibt es seit 2012. Jeweils am ersten Samstag im Monat trifft sich diese offene Gruppe von 15.00 – 17.00 Uhr im Gebäude der Malteser in der August-Schleicher-Straße 2. In der Gruppe haben Kinder von 6 bis 15 Jahren die Möglichkeit, über ihre Gefühle zu sprechen und sich auszutauschen. Da die „Mutmacher“ von zwei ehrenamtlichen Trauerbegleitern geführt wird, besteht nach einem gemeinsamen Begrüßungsritual die Möglichkeit, die Kinder entsprechend ihrem Alter zu trennen, um so besser auf die altersmäßigen Bedürfnisse Rücksicht nehmen zu können.
„Eine festgelegte Zeit, wie lange die Kinder zu den Treffen kommen, gibt es nicht.“, erklärt mir Gudrun Biesselt. Je nach Bedarf kommen die Kinder und irgendwann wenden sie sich Themen außerhalb des Trauerns, wie beispielsweise Sport oder anderen Freizeitaktivitäten, zu. „Meine Erfahrung hat gezeigt, dass die Kinder dennoch ein Jahr bleiben. Wiederum andere kommen nach zwei oder drei Jahren wieder zu uns, wenn unaufgearbeitete Themen aus der Trauerzeit in ihren Alltag fließen.“, beschreibt Frau Biesselt den Prozess der Trauer.

Trauern Kinder anders?

Ja, Kinder trauern anders. „Bei Kindern nennt man das ‚Pfützen springen‘“, drückt Frau Biesselt den Prozess aus. Sie haben von jetzt auf gleich ein Gefühl des Verlustes und begreifen eigentlich erst nach und nach, was dieser Verlust in seiner Endgültigkeit bedeutet. Oft gehen sie dabei in ein Gefühl von Traurigkeit, Hilflosigkeit, Einsamkeit, Schmerz oder auch Wut. Aber sie gehen auch ganz schnell aus diesen Gefühlen wieder heraus, weil Kinder es einfach nicht aushalten können, permanent in dieser Trauer zu bleiben.
Anders als Erwachsene, die in der Trauer bleiben, können sich Kinder relativ schnell anderen Themen zuwenden, teilweise sogar übergangslos. Kinder springen immer wieder in die Trauer hinein oder auch heraus. Das muss man wissen, denn sonst kommt es uns als Erwachsene merkwürdig vor und nicht selten meint man dann, das Kind trauert nicht.
Die „Mutmacher“ helfen den Kindern beim Begreifen und Akzeptieren des Verlustes und versuchen, einen Weg zu finden, den Verstorbenen neu oder anders zu verorten, was soviel heißen kann wie: Welche Erinnerungen oder Rituale verbinden mich mit meiner verstorbenen Mama? Wo sind die Orte, die gemeinsam mit dem Papa entdeckt wurden? Welche Spiele oder Bücher verbinden mich mit dem verstorbenen Opa? Diese Prozesse können lange dauern, weiß Gudrun Biesselt zu berichten.

Trauern Mädchen anders als Jungs?

Wahrscheinlich schon. Mädchen sind oft mit ihren Gefühlen mehr im Kontakt. Anders als bei Jungs, wo die Meinung vorherrscht, dass es eine Schwäche ist, Gefühle zu zeigen. Wenn Gefühle bei Jungs gelebt werden, kommt oft die Wut hinzu. Daher benötigen Jungs gelegentlich das Ventil einer körperlichen Aktivität, um die Trauer zuzulassen. Anders die Mädchen, die ihre Traurigkeit durch Weinen ausdrücken.
Wie kommt der Kontakt zu den „Mutmachern“ zustande?
Grundsätzlich braucht man die Kinder für die offene Trauergruppe nicht anzumelden, aber dennoch wird es empfohlen, um bestmöglich auf die Kinder eingehen zu können. Das erste Gespräch mit dem Kindertrauerbegleiter findet nach telefonischer Absprache zu Hause statt, um die Hintergründe und die Gefühlswelt der Kinder kennenzulernen. Dieses Vorgehen hat sich in der Vergangenheit bewährt; für das Kind, aber auch für die Arbeit der Trauerbegleiter.

Sind die Kindertrauerbegleiter speziell geschult?

Eins vielleicht noch vorweg, die Kindertrauerbegleitung ist kein Therapieangebot für Kinder, sondern ein Gesprächsangebot. In unserem wunderbaren Behördendeutsch bezeichnet man es auch als niederschwelliges Angebot.
Ich war überrascht, wie lange und intensiv die Ausbildung für dieses Ehrenamt dauert. Nach einem Vorbereitungskurs von bis zu 100 Stunden sind noch weitere Module von Basis- und Aufbaukursen notwendig, um als Trauerbegleiter arbeiten zu dürfen. Wie gesagt, es handelt sich um ein Ehrenamt!
Die Malteser bieten Ausbildungen diesbezüglich an, indem sie Fachreferenten engagieren  und die Finanzierung erfolgt über Fördergelder. „Wir wären dankbar, wenn sich Menschen angesprochen fühlen, um als ehrenamtliche Trauerbegleiter bei uns mitzuarbeiten. Wir können jede Unterstützung gebrauchen“, betont Gudrun Biesselt.
Wie wichtig und langwierig Trauerarbeit ist, habe ich dieses Jahr gelernt und kann nach dem Gespräch mit Frau Biesselt das Angebot der Mutmacher wärmstens empfehlen, sowohl im Sinne des trauernden Kindes als auch als Ehrenamtler.

 

Literaturliste

 

 

  • „Leb wohl lieber Dachs“ von Susan Varleey
  • „Ente, Tod und Tulpe“ von Wolf Erlbruch
  • „Der Baum der Erinnerung“ von Britta Teckentrup
  • „Hat Opa einen Anzug an?“ von Amelie Fried und Jacky Gleich
  • „Was ist mit Opa?“ Kniereiterbuch  von Oriana Stock, Cornelia von Hackewitz, Barbara Raps und Lydia Schmidt

Liebe Grüße in den Tag hinein,

Doreen

 

Kontakt

Mutmacher
Trauergruppe für Kinder und Jugendliche
Gudrun Biesselt
Malteser Hilfsdienst e.V.
Diözesangeschäftsstelle Erfurt
August-Schleicher-Straße 2
99089 Erfurt
Telefon: 0361/3 40 47-89
Mobil: 0171/2 29 14 36

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