„Erfurter Seelensteine“ – hier stehen die Kinder im Mittelpunkt

Als Teenager gab mir mein Vater einen Satz mit auf den Weg, dessen Bedeutung ich erst Jahre später verstand. Damals, ich glaube ich war 15 Jahre alt, sagte er zu mir: „Sage niemals nie, denn du weißt nicht, was das Leben für Schicksalsschläge für dich bereit hält!“

Die große Bedeutung dieser Worte wurde mir im Gespräch mit Mascha Röhrig wieder einmal bewusst. Diese junge Frau hat einen Masterabschluss in Sozialer Arbeit und arbeitet seit 15 Monaten als Sozialarbeiterin bei den „Erfurter Seelensteinen“. Die „Erfurter Seelensteine“, die der Trägerwerk Soziale Dienste in Thüringen GmbH zugeordnet sind, kümmern sich um Kinder von psychisch erkrankten Eltern. Wie ohnmächtig erwachsene Menschen gegenüber psychisch Kranken sind, habe ich in der Vergangenheit immer wieder beobachten können. Aber wie Kinder mit solchen Situationen umgehen, war mir bis zu diesem Gespräch nicht bekannt.

Warum Seelensteine?

„Traurigkeit, Angst und Hilflosigkeit können schwer wie ein Stein auf Kinderseelen lasten. Andererseits sind Steine stark und viele Steine bieten die Möglichkeit Neues zu bauen“, so beschreibt mir Mascha Röhrig, wie der Name „Erfurter Seelensteine“ entstanden ist und seit 2013 für dieses Projekt steht.

Kinder können Fragen los werden

Ist ein Elternteil erkrankt, gerät oft die Welt der Kinder aus den Fugen, weiß Mascha zu berichten. Das fängt bei ganz alltäglichen Situationen an, die sie meistern müssen. Kinder müssen entscheiden: Hat Mama heute einen guten oder schlechten Tag, wenn ich nach Hause komme? Kann ich jemanden mit nach Hause nehmen oder ist mir das peinlich? Ist es Mama oder Papa zu viel, wenn ich Freunde mit nach Hause bringe?
Zudem ist bei Kindern oft das Thema der eigenen Schuld zu beobachten. Sie fragen sich dann: Bin ich schuld, dass Mama oder Papa krank ist? Ist es eine schlechte Note, die dazu führt, dass ein Suizidversuch vorliegt? Darf ich sauer sein, obwohl ich weiß, dass jemand krank ist? Darf ich lügen, wenn die Lehrerin fragt, warum Mama nicht beim Elternabend war?

 

Eine solche Krankheit kann ganz viel in den Seelen der Kinder auslösen

Das Herzstück der „Seelensteine“ ist die Kindergruppe. Während eines halben Jahres werden hier Kinder von 6 bis 14 Jahren einmal wöchentlich betreut. Derzeit sind es zehn Kinder, die das Team rund um die „Erfurter Seelensteine“ versucht stark zu machen.

„Am Anfang“, erklärt mir Mascha, „ gilt es, das Mysterium einer psychischen Erkrankung mit den dazugehörigen schwierigen Begriffen wie Depression, Borderline, Alzheimer oder Psychose für Kinder erklärbar und somit begreifbar zu machen. Uns ist es wichtig, dass Kinder wissen woran sie sind, denn oftmals machen sie sich große Sorgen“. Das Ziel der „Erfurter Seelensteine“ ist es einerseits, die Kinder im Umgang mit der Krankheit des Elternteils zu stärken. Andererseits ist es den Sozialarbeitern aber auch enorm wichtig, dass die Kinder lernen, auf sich selbst zu achten. Immerhin ist das Risiko bei Kindern von psychisch kranken Eltern selbst an einer psychischen Krankheit zu erkranken, drei- bis siebenmal höher als bei Kindern ohne einer solchen Erkrankung im familiären Umfeld. „Wenn wir die Kinder stärken, können wir dieses Risiko minimieren“, bekräftigt Mascha Röhrig.

Innerhalb des halben Jahres werden in der Kindergruppe Handlungsmöglichkeiten erarbeitet, die den Kindern Sicherheit geben. Dazu gehört den Kindern beizubringen, was sie tun können, wenn sie traurig, wütend oder verzweifelt sind. Wichtig ist zudem, dass Kinder lernen, ihre Bezugspersonen innerhalb der Familie oder im Freundschaftskreis zu finden und denen zu vertrauen. In der Gruppe haben sie zudem die unbefangene Möglichkeit, sich auszutauschen und können so den Mantel der Verschwiegenheit, der bei vielen Familien schwer lastet, abzulegen. „Gemeinsam mit den Kindern erarbeiten wir Notfallpläne, die in schwierigen Situationen Sicherheit geben“, erklärt mir die junge Frau das weitere Vorgehen. Ein solcher Plan kann beispielsweise dann zum Einsatz kommen, wenn das Kind von der Schule nach Hause kommt, aber keiner die Tür aufmacht, obwohl das Elternteil in der Wohnung ist. Zu wissen, wie das Kind darauf reagieren muss, zu wem es in einer solchen Situation gehen kann oder wen es anruft, sind wichtige Hilfsmittel.

Hilferuf

Oft kommt der Hilferuf nach Unterstützung aus der eigenen Familie, über verschiedene Ämter oder Sprechstunden, die die „Erfurter Seelensteine“ im Katholischen Krankenhaus anbieten. Die Erfahrung der letzten Jahre hat gezeigt, dass es überwiegend alleinerziehende Mütter sind, die um Hilfe bitten. Krankheiten wie Depressionen oder Borderline stehen dabei an vorderster Stelle. „Erkranken kann jeder, die kürzlich arbeitslos gewordene Mutter, deren Alltag aus den Fugen gerät, ebenso wie die taffe Managerin, die vermeintlich alles im Griff hat“, gibt Mascha zu bedenken.

Zu uns kann jeder kommen

Ein weiteres Angebot ist der wöchentlich stattfindende Kreativnachmittag. Entstanden ist dieses Angebot aus der Notwendigkeit der Nachbetreuung für Kinder, die die Kindergruppe besucht haben. „Die Arbeit in der Kindergruppe ist ja nur für ein halbes Jahr angelegt. Allerdings ist eine Nachbetreuung in einigen Fällen sinnvoll und so können die Kinder oder Jugendlichen an diesem Kreativnachmittag bei uns sein“ erzählt mir Mascha. Aber auch Kinder, die auf der Warteliste der Kindergruppe stehen, werden hier betreut. Der Kreativnachmittag ist ein offenes Angebot und wird sehr unterschiedlich besucht, mal sind es nur zwei Kinder, gelegentlich aber auch 12. Eine vorherige Anmeldung ist nicht notwendig. Wer kommen mag, ist herzlich willkommen. Bei Kindern bis 7 Jahre ist es hilfreich, wenn anfänglich ein Elternteil mitkommt, so haben die Betreuer die Möglichkeit, das Kind besser kennenzulernen.

Neben den Kindern versuchen die Mitarbeiter der Seelensteine außerdem den Eltern Hilfe anzubieten. Deshalb wird zudem ein fünfwöchiger Elternkurs angeboten. Darüber hinaus können auch individuelle Termine für ein Beratungsgespräch vereinbart werden und in einigen Fällen auch ein Hausbesuch.

Das Spendenbarometer hat noch Platz

Das Team der „Erfurter Seelensteine“ besteht derzeit aus zehn engagierten Personen, die überwiegend ehrenamtlich tätig sind. Jeder aus dem Team gibt den betroffenen Kindern oder Eltern „Werkzeuge“ an die Hand, die anschließend genutzt werden können, um sich selber zu helfen.
Leider ist die finanzielle Situation der „Erfurter Seelensteine“ extrem prekär. Die Projektförderung durch das Land ist im vergangenen Jahr eingestellt worden und die finanzielle Beteiligung der Stadt ist gering. Demgegenüber explodieren die Anfragen für einen Platz, so dass weitere ehrenamtliche Mitarbeiter im Team aufgenommen wurden.

Um Kindern auch weiterhin ein Hilfsangebot bieten zu können, wird daher dringend finanzielle Unterstützung benötigt. Dazu wurde eigens ein Online-Spendenformular entwickelt und ein Spendenbarometer zeigt, wieviel Spenden bereits zusammengekommen sind; es sind 1.250,- €. Das Ziel für 2018 lautet: 20.000 €! Wer spenden möchte kann das hier gerne tun.

Ich habe mich überzeugt, dass hier hervorragende und engagierte Arbeit für Kinder geleistet wird und ziehe meinen Hut voller Hochachtung vor der Arbeit der „Erfurter Seelensteine“.

Kontakt

Erfurter Seelensteine

Tel. 0361/ 6603000
E-Mail: seelensteine@twsd-tt.de
Web: www.erfurter-seelensteine.de
Spenden: www.erfurter-seelensteine.de/spenden

 

Liebe Grüße in den Tag hinein,

Doreen

 

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